Nachlese Umweltgerechtigkeit

Was ist Umweltgerechtigkeit?

Im Rahmen eines Treffens des österreichischen Umweltbundesamts mit deutschen und Schweizer Umwelt- und Naturschutzagenturen am 28. Juni 2016 in Wien stand das Thema Umweltgerechtigkeit im Mittelpunkt einer Risikodialog-Veranstaltung. Das Umweltbundesamt beschäftigt sich in unterschiedlichen Projekten zum Thema etwa mit ökonomischen Verteilungswirkungen von Klimaschutzmaßnahmen, dem CO2-Fußabdruck im Verhältnis zu Einkommen sowie mit Möglichkeiten der verbesserten Einbindung benachteiligter Gruppen in umweltrelevante Entscheidungsfindungsprozesse. „In der Zusammenarbeit mit unseren deutschen und Schweizer Kollegen setzen wir uns noch eingehender mit dem Thema auseinander. Dadurch können wir gemeinsame Strategien auf nationaler und europäischer Ebene entwickeln“, erläutert Karl Kienzl, stv. Geschäftsführer im Umweltbundesamt und Moderator der Veranstaltung.

 

Andreas Diekmann von der ETH Zürich, fasste das Konzept der Umweltgerechtigkeit in seinem Vortrag weiter. Neben äußeren Umweltbelastungen müssen auch Umweltgüter in die Betrachtung einfließen, so der Soziologe, ebenso sei die Innenraumbelastung durch beispielsweise Schimmelbildung und Rauchen zu berücksichtigen. Zudem werde meist nur ein Land oder eine Region betrachtet. Global gesehen sei die Umweltungerechtigkeit wesentlich stärker ausgeprägt als national. In der Folge erläuterte Diekmann den Zusammenhang zwischen Einkommen und Umweltbelastung auf globaler Ebene. Die Luftverschmutzung führt weltweit zu 3,3 Millionen vorzeitigen Todesfällen, davon 1,4 Millionen in China und 400.000 in Europa. Insbesondere die Feinstaubbelastung sinkt mit dem BIP pro EinwohnerIn und ist daher in Entwicklungsländern am höchsten. Ähnliche Zusammenhänge lassen sich weltweit im Zugang zu Trinkwasser, in der Wasserqualität und der Hygiene feststellen. Diekmann wies auch darauf hin, dass es im Gegensatz zu den USA im deutschsprachigen Raum relativ wenige empirische Studien zur Umweltgerechtigkeit gibt. Er stellte die wesentlichen Ergebnisse des Schweizer Umwelt-Survey aus dem Jahr 2007 vor, bei dem über 3.300 Personen befragt wurden. Wer ein Monatseinkommen von 1000 Franken weniger hat als eine Vergleichsperson, ist von einer erhöhten Luftverschmutzung (Faktor 0,14) betroffen. Im Vergleich zur Belastung von Zuwanderern aus Südeuropa ist der Einkommenseffekt allerdings relativ gering. Der Einkommenseffekt ist noch wesentlich geringer im Vergleich zu Stadt-Land Unterschieden. Die Belastung mit Stickstoffdioxid ist in der Großstadt 121 mal so groß wie der Einkommenseffekt. Umgekehrt ist die Situation beim Ozon. Die Ozonbelastung ist auf dem Land am höchsten. Diekmann stellte auch eine Studie von Padilla et al aus dem Jahr 2014 vor, in der die Luftverschmutzung in vier französischen Metropolen verglichen wurde. In Marseille ist die Luftverschmutzung in den reichen Bezirken geringer – im Gegensatz zu Paris, wo Leute mit höherem Einkommen hauptsächlich in den Innenlagen wohnen und einer stärkeren Belastung ausgesetzt sind. Diekmann plant eine ähnliche Untersuchung im deutschsprachigen Raum.

 

In der anschließenden Diskussion thematisierten ExpertInnen unterschiedlicher Fachrichtungen für sie wichtige Aspekte vor dem Hintergrund ihrer jeweiligen Erfahrung:

 

Margit Schratzenstaller, stv. Leiterin des WIFO widmete sich den ökologischen Auswirkungen sozialer Unterstützungsleistungen und der sozialen Verteilungswirkung ökologischer Subventionen. Sie nannte einige Beispiele, bei denen Zielkonflikte zwischen Umwelt- und Verteilungseffekten auftreten; wie die Förderungen für thermische Sanierung und für Solaranlagen, den Heizkostenzuschuss, die Pendlerpauschale und das Dienstwagenprivileg. Wie geht man mit diesen Trade-offs um? Die Expertin empfiehlt Subventionen regelmäßig auf ihre Wirksamkeit zu prüfen. Gegebenenfalls sollen sie eingeschränkt, schrittweise abgebaut (mit zeitlich befristeten Anpassungshilfen) oder verstärkt in eine Gesamtstrategie eingebettet werden.

 

Martina Handler, Leiterin des Themenbereichs Partizipation in der ÖGUT, erzählte über Bürgerbeteiligung im Zuge umweltrelevanter Projektvorhaben. Mit den meisten Partizipationsangeboten werden zurzeit vorwiegend gut ausgebildete Menschen höheren Alters erreicht. Die Erfahrung aus unterschiedlichen Projekten zeigt, dass Beteiligung in erster Linie Zeit, Mut und die Fähigkeit zu kommunizieren erfordert. Die Herausforderung liegt laut Handler darin, jene Personen in Beteiligungsprozesse einzubinden, bei denen diese Rahmenbedingungen nicht gegeben sind. Dazu sind diese in geeigneter Weise anzusprechen – sprachlich und thematisch. Thematisch müsse man an die Nöte der Menschen vor Ort anknüpfen und könne sie nicht mit eher abstrakten Themen wie dem Klimawandel abholen. Sie berichtete zudem von positiven Erfahrungen mit der Auswahl von Personen nach dem Zufallsprinzip.

 

Helga Kromp-Kolb, Professorin für Meteorologie und Leiterin des Zentrums für globalen Wandel an der BOKU appellierte, auch über Gerechtigkeit gegenüber der Umwelt nachzudenken. Wirtschaftlicher Erfolg so die Expertin in einem Exkurs, sei nicht die Voraussetzung um Umweltgerechtigkeit herzustellen. Danach griff Kromp-Kolb das Thema Klimagerechtigkeit auf und wies darauf hin, dass Länder und Menschen, die sich bereits heute schwer mit dem Klimawandel tun, es in Zukunft noch schwerer haben werden, da ihre finanziellen Mittel begrenzt sind. Oft sei es schwierig, die Betroffenen von der Problematik zu überzeugen. Es müsse eine Diskussion auf Augenhöhe ermöglicht werden, betonte Kromp-Kolb.

 

Andreas Preisendörfer, Vorstand des Instituts für Soziologie an der Universität Mainz erinnerte daran, dass es im Konzept der Umweltgerechtigkeit ursprünglich um lokale Umweltbelastungen ging und deren Verteilung nach sozialen Schichten. Dieser Ansatz werde laut Preisendörfer erweitert, indem auch Umweltgüter in die Betrachtung einfließen sowie der ökologische Fußabdruck. In diesem Zusammenhang wies er darauf hin, dass der ökologische Fußabdruck bei Leuten mit höherem Einkommen eindeutig höher ist.

Programm [PDF, 1.3MB]

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